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Utho Maier
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Deutsche Esperanto-Bibliothek Aalen

in Zusammenarbeit mit Esperanto-Gruppe Aalen und Volkshochschule Aalen:
Einführungsvortrag des Kurses "Esperanto für Anfänger" im Wintersemester 2005/2006

Esperanto 2005.
Perspektiven, 100 Jahre nach dem 1. Weltkongress.
Setzt sich Esperanto als Brückensprache durch oder ist es gescheitert? gruene Trennlinie - - -
Esperanto als internationales Verständigungsmittel — das wär’ doch sicher das Richtige für unser immer größer werdendes Europa!

Stellen wir uns einfach mal vor, der nächste Deutsche Esperanto­kongress stünde bevor und wir bräuchten dafür noch das Grußwort irgend eines Prominenten. Das müsste doch leicht sein für einen, der was davon versteht! Fragen wir mal bei einem Europa­politiker an, vielleicht gar einem Liberalen; der könnte ja in der Lage sein, uns ein schönes Grußwort  abzuliefern, das man auch vorzeigen kann. — Was aber, wenn dann dieser Europaabgeordnete unter anderem schreibt, Esperanto sei einstmals eine attraktive Idee gewesen, doch heutzutage empfehle er Englisch zu erlernen und später dann, wenn man noch Zeit und Lust habe, Esperanto?

Dies alles war leider nicht Fiktion, sondern Realität; es geschah Anfang des Jahres 2005, nur mit anderen beteiligten Personen: Der EU–Abge­ordnete Dr. Wolf Klinz von der FDP schrieb ein solches Grußwort für den Deutschen Esperantokongress in Bad König. Dass es aber auch vernünf­ti­gere Politiker in der EU gibt, d. h. Leute, welche die Problematik der Sprach­barrieren, der Wahrung kultureller Vielfalt und der Gleichberechti­gung der nationalen Sprachen und Kulturen wirklich wahrnehmen, das steht außer Zweifel und wird am Ende dieses Vortrags aufgezeigt werden (siehe Esperanto aktuell 3/2005, S. 19). Übrigens: für den Esperanto–Weltkon­gress 2005 in Vilnius übernahm niemand anders als der litauische Präsident Valdas Adamkas die Schirm­herr­schaft!

Überhaupt: 2005 war ja wieder einmal ein Jubiläumsjahr für Esperanto: 1905, also 100 Jahre vorher, fand in Boulogne sur Mer der erste Esperanto–Weltkongress statt. Aus diesem Anlass organisierte man im selben Ort an Ostern 2005 (vom 25. bis zum 30.März) eine Jubiläumsveranstaltung, zu der man als Fest­redner einen Belgisch–Schweizer Wissenschaftler gewinnen konnte, welcher auch als Schriftsteller tätig ist und bereits eine große Zahl original in Esperanto verfasster Schriften und Romane veröffentlicht hat: Claude Piron [veröffentlicht (
auf Esperanto) in der Zeitschrift Esperanto 98 (2005) n–ro 1181 (5) maj 2005, p. 102–103.105 und n–ro 1183 (7–8) jul–aug 2005, p. 153.158 sowie im Internet(1)].

Damals, 1905 in Boulogne sur Mer, konnten Menschen aus aller Welt erstmals ihre erlernte Sprache Esperanto auf Tauglichkeit überprüfen: Würde das Erlernte in der Realität ausreichen, sich mit anders Denken­den und  Sprechenden auszutauschen? Würde man sich überhaupt verstehen können? — Hatte sich doch jeder eine eigene, national eingefärbte Aussprache angewöhnt. Der Kongress schien ein voller Erfolg zu sein, und in der Folgezeit ging es rapide aufwärts mit der Esperanto­bewegung, bis dann der Erste Weltkrieg ausbrach, der die Idee welt­weiter Verständigung und Verbrüderung sehr in Frage stellte, und schließlich auch noch der Schöpfer des Esperanto, Dr. Ludwig Lazarus Zamenhof, der legendäre «Dr. Esperanto» verstarb.

Damit rückte der «Endsieg der internationalen Sprache Esperanto», wie man sich damals auszudrücken pflegte, wieder in weite Ferne, und immer öfter hörte man nun das Schlagwort vom «Scheitern der Idee des Esperanto». Die weitere Geschichte des Esperanto ist dann mit einem ständigen Auf und Ab, einer regelrechten Wellenbewegung zu ver­gleichen; es kamen auch wieder gute Zeiten, die aber bald wiederum von schlechten abgelöst wurden.

50 Jahre später, im Europa der Nachkriegszeit mit seiner Dominanz des US–Englischen, mussten die Esperanto–Anhänger dann immer öfter hören: Esperanto hat sich nicht durchgesetzt, wir brauchen es auch gar nicht mehr, haben wir doch faktisch bereits eine Welt–Verständigungs­sprache, die funktioniert: das Englische. Und auch heute noch, vielleicht sogar verstärkt im Zeitalter der Internet–Kommunikation, wird man immer wieder damit konfrontiert. So ist es denn kein Wunder, dass man sich auf dieser Jubiläumsveranstaltung in Boulogne sur Mer auch mit diesem Thema  befasste.
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Nachfolgend soll ein großer Teil des dortigen Festvortrags in deutscher Übersetzung zu Worte kommen (so wie ich ihn eben aufgefasst habe):
 
Foto: Claude Piron Der Festredner Claude Piron ist Professor für Psychologie und Psychotherapie und überdies Esperantoschriftsteller.

Er hielt am 27. März 2005 einen Vortrag,
der auch unter Esperantisten Aufsehen errregte:
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«Esperanto : kiaj perspektivoj post unu jarcento?»
 — 
«Was sind die Zukunftsaussichten des Esperanto,
 ein Jahrhundert nach dessen erstem Weltkongress?»
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Vor 100 Jahren

100 Jahre. Schon 100 Jahre ist es her, dass …

[hier erfolgte eine kurze Einleitung mit originalen Esperanto–Zitaten des Esperantoschöpfers Zamenhof, die wohl auch das Gemüt der Anwesenden rühren sollte] … Der Redner fuhr dann fort:

Stark beeindruckt hat mich eine Sache, die ich in einem Unesko–Dokument las. Vor langer Zeit versuchte man, einen afrikanischen Stammeshäuptling davon zu überzeugen, dass es nützlich wäre, schreiben und lesen zu können; er weigerte sich, dies zu glauben. Also schlug man ihm ein Experiment vor: Er sollte etwas, was auch immer, zu einem sprechen, der seine Rede notieren würde; dies Papier werde man in ein anderes Dorf bringen, und er werde die begleiten, die es transpor­tieren. In jenem Dorf werde wider einer sein, der nicht anwesend war, als er sprach, und der also seine Worte nicht gehört habe, der aber zu lesen verstünde. Jenen werde man bitten, den Text auf dem Papier zu lesen. Der Stammes­häupt­ling stimmte zu. Und als die Gruppe im anderen Dorf ankam und dort einer laut vorlas, was er vorher diktiert hatte, war er sehr verwundert. Jemand, der abwesend war, als er sprach, war imstande, seine Worte genau wiederzugeben. Unglaublich! Eine wahrhaft wunderbare Sache!

Tatsache ist, dass die Erfindung der Schreibkunst beeindruckende Konsequenzen zeitigte. Ein Gutteil unseres Komforts, unseres Vergnügens, unseres Wissens, unserer Freuden, unserer Gesundheit verdanken wir der Tatsache, dass es die Schrift gibt. Wenn Schrift nicht existierte, wären wir heute nicht die, die wir sind. Man kann daher sagen: der Zeitpunkt, als erstmals Ideen oder Informationen schriftlich weitergegeben wurden, war ein Schlüsselmoment in der Geschichte der Menschheit, auch wenn keiner weiß, wo und wann dies geschah. Meiner Meinung nach war dann auch der Zeitpunkt ein Schlüsselmoment in der Geschichte der Menschheit, als sich erstmals Menschen aus zwanzig Ländern untereinander verständigten, ohne Übersetzer, und ohne dass einer die Sprache des anderen Volks sprechen musste. Und dieser außergewöhnliche Moment ereignete sich 1905, hier in Boulogne sur Mer.

Es geschah auch etwas anderes Schwerwiegendes, als Zamenhof sein Gedicht «Unter der grünen Flagge» vortrug: mehrere der Anwesenden weinten! Diese Tatsache schlägt endgültig jedes Argument derer, die behaupten, eine am Schreibtisch entstandene Sprache könne keine Seele haben. Wenn das Deklamieren eines Gedichts so rühren kann, bis zu Tränen, so bedeutet dies, dass die verwendete Sprache weit mehr ist als etwas Roboterhaftes, Mechanisches, nutzbar nur für praktische Anwen­dungen, wie die Mehrzahl der damaligen Intellektuellen meinte; sie vermag die Herzen zu rühren, sie hat Seele.

Viele von uns haben diesen Geist schon bei mancherlei Gelegenheit gespürt. Wir wissen, dass Esperanto …
Wir
wissen daher, was auch immer die Skeptiker sagen, die Esperanto mit einem toten Kode gleichsetzen, dass sie im Irrtum sind …
Wir wissen dies aus eigener Erfahrung. Und dies ist nicht Sache der Meinung, also nichts Subjektives. Es ist Tatsache, etwas Objektives, während die Vorstellung, das Esperanto habe keine Seele, einfach einer subjektiven Meinung entspringt, die auf keinerlei Erfahrung oder Beobachtung beruht. Subjektive Meinungen behalten ja neben den Tatsachen niemals Gewicht, in langfristiger Hinsicht. Meinungen variieren, Meinungen ändern sich, doch Tatsachen bleiben Tatsachen, solide, unumstößlich, immer erfolgreich; denn sie sind die Wirklichkeit, während Meinungen nur geistige Bilder sind, die, wenn sie nicht auf etwas Wirklichem gründen, nach einer gewissen Zeit nur zerfallen können.



Die drei menschlichen Hirnteile und die Seele des Esperanto

Auf diesem Punkt bestehe ich, dass Esperanto eine Seele hat; denn das ist, denke ich, sehr wichtig. Ich habe viel in den Zamenhofschen Texten gelesen, auch seine Reden, seine Briefe. Und immer bewunderte ich eine seiner Charaktereigenschaften, die nicht sehr oft vorkommt: das  bemer­kens­werte Gleichgewicht zwischen seinen beiden Hirnhälften.

Das menschliche Hirn ist ja eine Dreiheit. In der tiefsten Schicht funktio­niert es rein instinktiv, es ist wie das Gehirn einer Schlange: in dieser tiefsten Schicht befindet sich unser Ur–Teil, der primitive Teil; dort durch­leben wir Grundemotionen wie Panik, Begehren, Angriffslust, und dort ist die Steuerzentrale, die uns in verschiedener Weise zu reagieren erlaubt: erfassend, zurückhaltend, forteilend oder angriffs­lustig. Doch über diesem Stammhirn befindet sich der s. g. Kortex, der sich in zwei Hälften aufteilt, ähnlich den zwei Hälften einer geschälten (Wal)–Nuss. Diese zwei Hälften haben zwei unterschied­liche Funktionen. (…). Beim Rechtshänder funktioniert die linke Hirnhälfte durch Worte, Ziffern, Maße, Vernunft, Zergliedern, Ableiten, Fakten, Wollen, Ordnung und ähnliche Dinge; daher möchte ich sie das Hirn der Strenge nennen.

Im Gegensatz dazu funktioniert die rechte Hirnhälfte durch Bilder, wortlose Symbole, Gefühle, auch ästhetischer und künstlerischer, durch Stimmungen, Vorstellung, Metaphern, Intuition, spontane Gedanken­ketten, Träume und Schwärmerei, die dichterische Art der Weltsicht, Kreativität, Freiheit; daher möchte ich sie das Hirn des Vertrauens nennen; denn nur wenn man vertraut, kann man es funktionieren lassen, in seiner unglaublichen Fruchtbarkeit. Im Allge­meinen hat beim Menschen, oft auch beim ganzen Volk, eine der Hälften die Überhand. Doch bei Zamenhof waren beide nicht nur bestens ausgeprägt, sondern auch ganz harmonisch aufeinander abgestimmt.

Und dieses findet sich direkt in seiner Sprache wieder. Sie ist streng, sie  erfordert Disziplin (Zucht und Ordnung), und sie verlangt daher die Aktivierung der linken Hirnhälfte. Denken Sie nur mal an den Akkusativ …
Esperanto ist eine viel strengere Sprache als die allermeisten anderen. — Doch sie ist auch viel freier. Das Recht, Wortwurzeln und Vor– wie Nachsilben ohne irgend eine Beschränkung kombinieren zu können, ist etwas ganz Typisches für die rechte Hirnhälfte, und gleichermaßen gilt dies für die Freiheit in Wortstellung und Syntax. …
Wenn man als Schriftsteller am Esperanto besonders die Flexibilität und seinen Reichtum schätzt, dann geht das gerade auf diese äußerst seltene Abstimmung zwischen Strenge und Freiheit zurück, auf diese Integrität der beiden Hirnhälften.

Das macht Esperanto einzigartig. Sprachen betonen mal diese, mal jene Eigenschaft. Französisch und Deutsch sind streng, lassen aber wenig Freiheit in der Ausdrucksweise. Englisch und Chinesi­sch sind viel freier, doch fehlt ihnen die Strenge und damit auch die Genauigkeit. Ja, Esperanto ist einzigartig im Panorama der Sprachen. …
An etwas Einzigartiges mag ein Normalbürger nicht glauben. Daher können die Mehrzahl unserer Zeitgenossen sich die herausragende Qualität des Esperanto einfach nicht vorstellen.



Verdeckte Weitergabe verborgener Botschaften

Und genau deshalb verwendete ich mit voller Absicht vor einigen Minuten den Ausdruck in langfristiger Hinsicht. Man kann das Phänomen Esperanto nicht richtig verstehen, wenn man es nicht in seinem geschichtlichen Hintergrund einordnet. Und weil dies so viele Menschen zu tun vermeiden, sagen sie derzeit: «Weltsprache ist das Englische». — [Der Rest dieses Absatz wurde nur in der Zeitschrift Esperanto abgedruckt, findet sich also nicht im Internet: Sie werden wohl gleich herausfinden, dass ich negativ über die engli­sche Sprache rede. Tatsäch­lich aber kritisiere ich weder die Sprache selbst, noch die damit verbun­dene Kultur, noch die Menschen, deren Muttersprache sie ist. Ich schätze das Englische und dessen Kultur sehr. …
Was ich kritisiere ist der Status des Englischen in der Weltgesellschaft: ein undemokratischer Status mit vielen negativen Folgen. Doch für diese ungerechte Stellung des Englischen sind vorwiegend die Nicht–Englisch–Sprechenden verantwortlich.]

Dauernd wiederholen die Massenmedien, Minister, Firmenchefs und einfache Menschen am Stammtisch diesen Satz. Und sie sind sich dessen nicht bewusst, dass sie damit auch eine ganze Reihe nicht ausdrücklich genannter Vorstellungen weitergeben. So etwa: «Der Sieg des Engli­schen ist endgültig», «sprachliche Vielfalt verursacht keine Probleme mehr», «Verwenden des Englischen hat keine finanziellen Konsequenzen für Sie», «es gibt keine realistische Alternative», «wenn ein Fremder unter der Ungerechtigkeit leidet, dass er sich nicht angemessen auszu­drücken vermag, oder wenn ein Firmenchef einen Erfolg versprechen­den Vertrag vermasselt, weil sein englisches Sprachniveau für das Verhandeln mit einem ausländischen Geschäfts­partner nicht ausreicht, dann erhalten sie nur das, was sie verdient haben, sie hätten ja das Englische gut genug erlernen können».

Wenn Sie einige Minuten darüber nachdenken, werden Sie unbedingt spüren, dass tatsächlich diese Botschaften — zusammen mit anderen — den Satz vom Sieg des Englischen heimlich begleiten. Es sind Bot­schaften mit Scheuklappen, die abschließen und den Geist sozusagen in einen Tunnel schieben, in dem man seitlich nichts sehen kann außer dem einen Licht am Ende des Tunnels: dem Englischen, ohne das es keinen Ausweg gibt. Dieses Bedingungs­geflecht verhindert normale Reaktionen. Eine normale Reaktion darauf wäre beispielsweise die folgende Vorstellung.

Englische Muttersprachler ziehen einen Riesenvorteil und –profit aus dem heutigen Sprachsystem. Die Briten erhalten jährlich eine Milliarde (also tausend Millionen) Euro aus Sprachstudien–Aufenthalten. «English language teaching is very big business» [«Englisch–Unterricht ist ein riesiges Geschäfts­potential»] schrieb seinerzeit das Informationsbulletin der Messe für Englische Sprache im Barbican Centre in London. Und dies bestätigte der Präsident des British Council [Der British Council(2) ist seit 1934 Großbritanniens offi­zielle, für internationalen Kulturaustausch zuständige Vertretung im Ausland. Er ist eine rechtlich unab­hängige Organisation mit einem durch die sogenannte Royal Charter geschützten Status. Im Mittelpunkt der Arbeit des British Council steht die Vermittlung von Informationen über Groß­britannien und die Zusammenarbeit von Menschen in Deutschland und Großbritannien. (vgl. auch: deutscher Bildungsserver(3) BAK — Berliner Arbeitskreis Information(4))], indem er sagte: «Die englische Sprache bringt uns mehr Einnahmen als das Rohöl der Nordsee». Was ich gerade vortrug, bezog sich nur auf Großbritannien, doch die USA profitieren noch viel mehr von umfang­reichen Gebrauch des Englischen.

Es wäre also normal, wenn englische Muttersprachler dafür bezahlen müssten. Ist es nicht absurd, dass weltweit nicht–englisch–sprechende Steuerzahler gigantische Summen dafür aufbringen, dass ihre Staaten Englischunterricht organisieren, was sie dann schließlich in die unter­legene Position bringt? Und inzwischen sind die, welche allen Profit daraus erzielen, die aufgrund Geburtsrechtes in jeder Diskussion, Verhandlung oder Debatte Überlegenheit erhalten, und denen die Mühe, eine Fremdsprache zu erlernen, erspart bleibt, dann genau diejenigen, die nichts bezahlen für diesen beeindruckenden Vorteil! Die Gerechtigkeit erforderte, dass die englisch sprechenden Staaten allen anderen Ländern das erforderliche Geld bezahlten, das nötig ist, damit anders Sprechen­de sie erreichen können. Außerdem: während wir sehr viele Stunden dem Erlernen der englischen Sprache widmen, können die englisch Sprechen­den diese Zeit dem Studium von Wissenschaft, Technik, Beruf oder der Erholung und Entspannung widmen. Wäre es nicht normal, wenn sie unseren Zeitverlust und unsere Mühen finanziell ausglichen, da dies ja zum Gutteil ihren Profit ausmacht? In unserer weltweiten und neo­libera­len Gesellschaft gibt es keinen Vorteil, den man nicht auch bezahlen müsste. Sie erzielen einen Riesenvorteil, sollen also auch bezahlen, ein wenig nach dem Grundsatz «Wer Schmutz macht, der soll auch zahlen».

Die unausgesprochenen, heimlichen Botschaften, welchen die beglei­tenden Gedanken, aber auch die gefühlte Stimmung mitformen, die bei dauernder Wiederholung jenes Satzes aufkommen, schieben sich un­bewusst in unseren Geist. Weil sie nur unterschwellig da sind, kann man sich nicht gegen sie verteidigen. Und da sie in den unbewussten Teil unserer Psyche Eingang finden, drängen sie uns einen Masochismus auf, gegen den uns nur schützen könnte, sich dessen bewusst zu sein. Wegen dieser subtilen Art der Durchdringung wiederholen die Opfer dieser Situa­tion für sich ständig die Sätze, die ihren Opferstatus bestätigen und bestärken. Dies ist auch das System, das genutzt wurde, um Sklaven in ihrer Sklavenposition gefangen zu halten, oder um zu vermeiden, dass ein Mensch aus niederer Kaste versucht, das Kasten­system zu ändern. Den Satz papageienhaft wiederholend überzeugen sich unsere Zeitgenossen selber, dass nichts verbesserbar sei, dass sie nichts machen könnten, dass sie Sklaven ohne Hoffnung auf Freiheit seien, da ihre Herren end­gültig gesiegt hätten und die Opfer ihre Häupter nicht wieder erheben dürften. Es ist gleichsam eine Erpressung mittels Zauberei, eine magische Formel, deren Wirkung darin besteht, dass die Opfer mehr und mehr ihren Opferstatus akzeptieren. Dieser Masochismus wird von Mal zu Mal stärker, doch das — o Weh! — bemerken seine Opfer nicht.

Leute, die über das betreffende Thema reden, übersehen eine schwer wiegende Tatsache. In der rechten Hirnhälfte existiert bei jedem Menschen ein unbewusstes, unklares Sehnen nach etwas, irgend etwas Undefinier­bares, ohne Namen, da zu ungenau, aber doch etwas Gutes für die ganze Menschheit, ein Sehnen nach einer paradiesischen Har­monie, nach einer Welt, wo es kein Unrecht mehr gäbe. Und dieses Sehnen, obgleich nebulös, ist sehr stark, überaus machtvoll, in der Lage, gigantische individuelle Energien zu bewegen, beträchtliche Aufopfe­rungs­bereitschaft zu wecken, die mit Vernunft nicht leicht zu recht­fertigen ist. In einer gewissen Anzahl Individuen kristallisiert sich dieses Sehnen nach einem kontur– und namenlosen Gut in dem Konzept «Esperanto», so dass sie einen großen Teil ihres Selbst, ihrer Libido würde Freud sagen, in das Sachgebiet investieren, welches das Wort Esperanto hervorruft. Das Konzept «Esperanto» nimmt so die Anzie­hungskraft an, die Carl Gustav Jung dem Kern psychischer Energie zurechnet, diesen psychischen Nebelbereichen, die er Archetypen nennt. Es ist die Konkretisierung, also die gedachte Form von etwas Undenk­barem, von etwas, das jenseits der Benennbarkeit steht, das aber die Psyche anzieht mit einer Kraft, welche unendlich viel größer ist als die Kraft, durch die ein gigantischer Elektro­magnet Eisen anzieht.

Die Wiederholung der Vorstellung, das Englische habe gesiegt, agiert gegen die linke Hirnhälfte und sie blockiert die Fruchtbarkeit der rechten, wo sie den Archetyp unterdrückt, das Sehnen nach weltweiter Gerech­tigkeit, über das ich gerade sprach. Sie blockiert die Vorstel­lungs­kraft. Daher können Menschen, die man dermaßen mit diesem Geist ver­schließenden Schlagwort [s. o. das Bild vom Tunnel!] immer wieder bombardiert hat, dass sie es  verinnerlicht haben, sich gar nicht mehr vorstellen, dass es eine Alternative gibt. Auf diese Weise stirbt die Wissbegier, und der kritische Geist wird unfruchtbar. Aufgrund dieses sozialpsychologischen Prozesses werden Millionen und aber Millionen junger Leute in der ganzen Welt gezwungen, sich Jahre über Jahre einer überproportionalen Vernunftanstrengung hinzugeben, um eine Sprache zu beherrschen zu suchen, in der sie niemals einen gleich­berechtigten Stand zu Mutter­sprachlern erreichen werden. Und dass diese Plage nicht erforderlich ist, dass es eine Alternative gibt, die der Jugend der Welt und allen Steuer­zahlern, und tatsächlich auch allen Staaten, Erleichterung von vielen schweren Lasten brächte, und eine Befreiung von der absur­den Art und Weise, seine Zeit und seine nerv­liche Energie zu investieren, das wissen wir, eine marginale Minderheit, aus eigener Erfahrung.

Doch das allgemeine Publikum hat sich eben die Botschaft vom end­gültigen Sieg des Englischen einverleibt. Und wenn man das mit aller Kraft glaubt, ohne sich ein wenig Distanz zu verschaffen, um es kritisch zu betrachten, muss man wohl oder übel auch die komplemen­täre Vorstellung akzeptieren, dass nämlich, weil das Englische siegte, das Esperanto gescheitert sei.



Die typische Denkweise Vierjähriger

Die allgemein gültige öffentliche Meinung hat Einfluss (auch) auf die Esperantisten, leider! Und ein Teil davon neigt dazu, sich ihr anzu­schließen. So leiden sie an einem Zwiespalt, der schmerzhaft sein kann. In ihnen ist ja das Gespür lebendig, dass Esperanto erfolgreich sei, zumal für sie selbst. Doch dieses Gefühl können sie nicht in Einklang bringen mit der allgemeinen Meinung, Esperanto sei gescheitert. In ihnen ist also eine Spannung zwischen etwas Gesellschaftlichem und etwas Individuellem, zwischen rechter und linker Hirnhälfte.

Es lohnt sich zu analysieren, was die sagen, die ein Scheitern des Esperanto nicht bezweifeln. Tun wir das, so werden wir zuerst fest­stellen, dass diese Überzeugung eine absolute ist. Ein Mensch, der sagt «Esperanto ist gescheitert», der ist sich auch sicher, dass dieses Scheitern offensichtlich ist, vollständig und endgültig. In der Tat ist dies seiner Meinung nach gleichzusetzen mit «Esperanto ist ein Nichts, eine Null». — Es existierte als Projekt, doch es zerfiel. — Also existiert es nicht mehr.

Interessanterweise kann dieser Eindruck, das jetzige scheinbare Scheitern sei etwas Absolutes, Vollständiges und Endgültiges, nur auftreten, wenn man die Welt wie ein weniger als sechsjähriges Kind betrachtet und interpretiert. Jeder von uns ist nur in einigen Lebens­bereichen geistig erwachsen, also voll entwickelt, ausgereift. Auf vielen anderen Gebieten funktionieren wir weiterhin wie Vier– oder Fünfjährige. Und in diesem Alter kann unser Geist nicht mehr als zwei Konzepte gleichzeitig vertreten, die dann immer symmetrisch, ent­gegengesetzt oder weit auseinander liegend sind: «groß»/«klein», «stark»/«schwach», «erster»/«letzter», «alles»/«nichts». Erwachsene, sogar sehr intelligente und geistig überaus kompetent in Beruf oder täglichem Leben, funktio­nieren dennoch auf vielen Gebieten weiterhin nach dieser Denk­weise von Vierjährigen, etwa hinsichtlich der Politik, Religion, der  Rassen, der Art, sich selbst zu sehen, der Einschätzung des anderen Geschlechts (oft Vorstel­lungen bezüglich des Ehegatten oder der Gattin) und so fort. Nun, Esperanto ist ein Gebiet, auf dem es leicht ist, diese Art von Ur–Denk­weise als offensichtlich aufzuzeigen.

Beispielsweise können sich viele einfach nicht vorstellen, dass sich das heutige Esperanto von der Sprache unterscheidet, wie sie sich 1887 darstellte. Solche Leute sagen: «Eine lebende Sprache entwickelt sich, Esperanto kann sich nicht fortentwickeln, Esperanto ist also keine lebende Sprache, daher ist es gescheitert.» Es handelt sich dabei nicht bloß um unrichtige Aneignung von Wissen; es handelt sich in der Tat um die Unfähigkeit, sich vorzustellen, eine Sprache, die ein Mensch vor­schlug, könne sich fortentwickeln. Eine kleinkindliche Denkweise! Nur zwei Aussagen sind möglich: entweder Alles oder Nichts. Es gibt die internationale Sprache des Dr. Esperanto, und das war’s, daneben gibt’s nichts, das man Esperanto nennen kann. Diese Menschen unter­ziehen das Esperanto nicht derselben Betrachtungsweise, wie sie sie anderen Gegebenheiten zukommen lassen. Städte werden modifiziert, Stile ändern sich, Musik entwickelt sich fort, Kleidermode differiert stark von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, doch Esperanto bleibt endgültig so festgelegt, wie es 1887 war.

Oder betrachten wir doch die Art und Weise, wie man Erfolg interpre­tiert! Vielen Leuten gilt Esperanto als gescheitert, weil es nicht die Welt erobert hat. Für sie erforderte ein Erfolg unbedingt auch, irgendwohin gehen zu können, um wen auch immer auf dem Bürgersteig in Esperanto anzu­sprechen und (sofort) verstanden zu werden. Doch diese Weise, Erfolg zu verstehen, wenden sie nicht an in anderen Bereichen. Niemals würden sie denken: «Honda–Fahrzeuge sind gescheitert, da ja sehr viele Leute Toyota, Mercedes, Citroën, Ford oder was anderes be­nutzen.» Den Erfolg des Esperanto verknüpft man mit Kriterien, die man anderswo nicht an­wendet. Ist doch interessant, oder etwa nicht?



Historische Betrachtungsweise

Zu all’ dem hinzu kommt eine Unfähigkeit, die Sache vom historischen Blickwinkel aus zu betrachten. Daraus resultiert, dass das Konzept «noch nicht», «bislang noch nicht» völlig missachtet wird. Wiederum sehen wir, dass es einen Unterschied gibt zwischen Esperanto und anderen Lebensbereichen. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ringen Menschen um eine Weltverbesserung. So etwa um Gleich­berechti­gung von Mann und Frau, von Dunkel– und Hellhäutigen, um Zugangs­möglich­keiten zum Studium für verschiedene gesellschaft­liche Schichten oder um Eingeborenenrechte, um wirtschaftliche Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd sowie anderes mehr. Denken die Leute, die über diese Themen sprechen: «Das Ringen ist gescheitert»? Nein, sie denken: «Noch hatten wir keinen Erfolg. Es bleibt viel zu tun.» Schon 1700 gab es Menschen, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpften. Aber noch 1850 gab es Sklaverei. Wäre es 1850 richtig gewesen zu sagen: «Der Kampf gegen die Sklaverei ist gescheitert»? Nein. Die Geschichte lehrt uns, dass einzig der folgende Satz richtig gewesen wäre: «1850 war der Kampf gegen die Sklaverei noch nicht erfolgreich beendet.» Doch nie hören Sie einen Menschen, der sich des Scheiterns des Esperanto sicher ist, sagen: «Esperanto hat sich noch nicht (erfolgreich) durchgesetzt.» Als ob die Sprache nur eine begrenzte Anzahl an Jahren zur Verfügung hätte, um die Welt zu erobern, und dieses Ziel vor dem festgelegten Enddatum nicht erreicht hätte. Wieso denn überhaupt ein Enddatum? Enddatum ab wann?

Die Vorstellung, dass Esperanto den Rhythmen der Naturphänomene folge, welche einen exponentiellen Wachstumsverlauf aufweisen, kommt einem gar nicht in den Sinn. Exponentielles Wachstum verläuft anfangs ganz langsam, beschleunigt sich aber mehr und mehr, um dann nach Überschreiten einer Schwelle immens anzusteigen [jeder, der etwas anspart, sollte diesen Effekt (des Zinseszins) doch kennen!]. Diejenigen, die eine Zukunft des Esperanto bezweifeln, ignorieren die Geschichte. Denken Sie etwa an das metrische System! 1647 wurde es vorgeschlagen durch Gilbert Mouton, Pfarrer zu Lyon. 120 Jahre später, 1767 war es nirgend­wo einsetzbar, weil kein normaler Mensch es kannte. Konnte man damals sagen, das metrische System sei gescheitert? Überhaupt nicht! Der Verlauf der Geschichte zeigt, dass man damals nur sagen konnte: «120 Jahre nach seinem ersten Erscheinen hatte sich das metrische System noch nicht durchgesetzt.» Gleichermaßen muss man 120 Jahre nach Erfindung des Esperanto die Hypothese aufstellen, Esperanto habe sich wohl noch nicht durchgesetzt; falls erfolgreich sein hieße, allgemein verwendet zu werden. Das zu diskutieren wäre aber eine andere Sache.

Diese geschichtliche Betrachtungsweise kann helfen, die Spannung aufzulösen zwischen subjektivem Fühlen und objektiver Feststellung, welche ich vorhin aufzeigte. Man kann sich den Standpunkt aneignen: «Ich gehöre zur Avantgarde, zu den "Trendsettern"». Und in der Tat: die Menschen, die kämpften, um die Welt von der Sklaverei zu befreien oder um das metrische System einzuführen, hatten recht, auch während der ganzen langen Zeit, als ihr Handeln und Tun völlig erfolglos schien und sie verspottet wurden als Menschen, die gefesselt sind an eine lächer­liche Utopie. Wir können uns in der gleichen Lage sehen. Mag ja sein, dass wir uns irren, doch die Hypothese, dass wir Pioniere, also Vor­kämpfer sind, weist nicht weniger Wahrscheinlichkeit auf als die ent­gegen­ge­setzte, wenn man solche Handlungen in historischem Kontext vergleicht.



Sondieren wir mal die nächste Zeit!

Eine geschichtliche Betrachtungsweise ist auch von Nutzen, wenn man über das nachdenkt, was möglicherweise geschehen wird in der Zeit nach dem "Heute". Das ist ein anspruchsvolles Unterfangen, eine heikle Angelegenheit. Untersucht man die Vermutungen über die wahr­schein­liche Fortentwicklung, welche die Menschen anstellen, die vorgeben Spezialisten dafür zu sein, so stellt man fest, dass diese sehr oft irren, im Allgemeinen deshalb, weil chancenreiche Ereignisse auftreten, die nicht vorhersehbar sind und welche sie nicht mit ins Kalkül ziehen konnten. Trotzdem kann man in anderen Fällen hinreichend genau vorhersehen, wie sich die Dinge weiterentwickeln werden. In der Regel sind demographische Prognosen vertrauenswürdig, gleichermaßen auch die Vorhersagen über die Verbreitung von Seuchen.

Ich komme zurück zur Vorstellung, das Englische habe sich ja durch­gesetzt. Im Mittelmeerraum konnte man im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Gleiches vom Griechischen behaupten, vielleicht nicht gerade vom klassischen Griechisch, aber von einem vereinfachten "Basic Greek" [der sog. κοινή], so wie man heute in einigen Medien behauptet, die Weltsprache sei «Basic English». Im Europa des 11. Jahrhunderts konnte man sagen, das Latein habe sich durchgesetzt, im 18. Jahr­hundert war es das Französische. Doch wissen wir, wie sich die Ge­schich­te ent­wickelte: all’ diese Sprachen verloren später wieder ihre Vorrang­stellung. Und die entsprechenden Änderungen waren die Folgen von Wandlungen im internationalen politisch–wirtschaftlichen Leben.

Nun ist die Vorrangstellung der englischen Sprache in der Welt­gesell­schaft gekoppelt mit der politisch–wirtschaftlichen Vorrangstellung der USA. Die bereits vorliegenden Tatsachen erlauben die Unterstellung, dass die USA sich schon in der Anfangsphase ihres Niedergangs befinden. Diese Auffassung wurde vor kurzem [d.h. kurz vor April 2005] ausdrücklich so veröffentlicht in einem Bericht der amerikanischen zentralen Informationsbehörde, des CIA. Ein wenig fürchte ich mich ja, dieses Gebiet zu betreten, da mir sicher einige vorwerfen werden, ich mischte mich in die Politik ein. Dennoch handelt es sich hier nicht um Politik, sondern um Überlegungen über etwas Mögliches, etwas, das geschehen kann, da es weder zu den Tatsachen noch zur Logik in Widerspruch steht, das aber auch sich nicht ereignen kann. Was ge­schehen wird, weiß keiner. Aber sehr viele ernsthafte Kommentatoren denken, dass nach einigen Jahrzehnten die politische und wirtschaftliche Supermacht eine Allianz sein wird zwischen China, Barat (das ist Indien) und Brasilien. Dies sind die Länder, die sich am schnellsten und sichersten fortentwickeln, und das mit gigantischem Potenzial. Folglich sind viele Fachleute der Ansicht, die künftige Weltsprache werde das Chinesische sein. Und es ist Tatsache, dass Chinesisch–Kurse alljährlich immer mehr Leute anlocken.

Was erlaubt es, zu sagen, dass wohl — und ich unterstreiche: nur möglicherweise! — die USA eilends ihrem Niedergang entgegensteuern, bis zum Zusammenbruch? Viele Fakten.

Betrachten wir etwa die wirtschaftliche Lage. Die US–Wirtschaft gründet auf einem sehr leicht zerbrechlichen System, das man so zusammen­fassen kann: die Welt produziert — die USA konsumieren. Dies galt bereits für industrielle Waren, doch 2004 waren die USA erstmals seit vielen Jahrzehnten auch Importeur für Nahrungsmittel. Der US–Land­wirtschaft gelang es nicht mehr, die Bevölkerung zu ernähren. Das Handelsdefizit der USA erreichte jetzt 630 Milliarden Dollar. Um diese Schulden zu begleichen, müssten die USA etwa eine Milliarde Dollar vom Rest der Welt erhalten, täglich. Kann man mit so einem System einen Bankrott vermeiden? Der Staat, der es derzeit den USA ermög­licht, finanziell zu überleben, ist im Wesentlichen China, dessen Plus–Saldo in der US–Handelsbilanz bei 160 Milliarden Dollar liegt.

Die Zahlen bisher bezogen sich auf das Verhältnis Import zu Export, also auf die Privatwirtschaft der USA. Wenden wir uns nun der öffent­lichen zu, also dem Staat, so stellen wir fest, dass dessen Finanzwesen noch viel weniger floriert. Die Summe der nationalen Verschuldung belief sich gestern [d. i. am 26.03.2005] auf 7,79 $-billions, das sind 7,7 Millionen Dollar–Millionen oder 7700 Milliarden Dollar. (Als Bush 2001 Präsident wurde, erbte er von Clinton ganz volle Kassen: seinerzeit gab es keine Staatsverschuldung.) Und den größten Teil dieser Riesen­summe schulden die USA den asiatischen Ländern: China beispielsweise lieh der US–Kasse 83 Milliarden Dollar. Diese Schuld wächst rapide an. Das Iraq–Abenteuer kostet den US–Staat ja 5,8 Milliarden Dollar pro Monat. Es ist zu bezweifeln, ob irgendein Staat lange weiter leben kann mit einer derart gigantischen Staatsverschuldung. Daher verliert übrigens der Dollar mehr und mehr an Wert, so sehr sogar, dass die Rohöl produ­zierenden Länder, das sind die Ölstaaten, mehr und mehr mit dem Gedanken spielen, keine Zahlungen in Dollar mehr anzu­nehmen, sondern den Euro als Referenzwährung für das Rohölgeschäft zu ver­wenden.

Viele andere Tatsachen zeigen die katastrophale Entwicklung der USA auf, so der Rückgang des Durchschnittseinkommens (der Stundenlohn fiel von 17 Dollar in 2000 auf 14,5 Dollar in 2004 … ), das alljährliche Anwachsen des Prozentsatzes an Menschen unterhalb der Armutsgrenze (darunter fallen laut Statistiken des Census Bureau 45% der Schwarzen und 44% der Latinos ), die Zahl der Häftlinge  — die höchste weltweit (2,2 Millionen, während es 1975 nur 380 000 waren), die auch die größte bleibt, wenn man sie auf die Pro–Kopf–Bevölkerung bezieht —, weiters die Tatsache, dass die Militärkräfte zu weit im Ausland zerstreut sind, oder die Tatsache, dass wie in der Sowjetunion vor deren Aus­einander­fallen der Unterschied zwischen objektiven Tatsachen und subjektiven Eindrücken besonders groß ist: so sind beispielsweise (laut Umfragen) mehr als 50% der US–Bürger über­zeugt, dass die Piloten des 11. September
[2001] iraqischer Nationalität waren, obgleich alle offi­ziellen Dokumente des US–Staates zeigen, dass der Iraq bei dieser Attacke nicht beteiligt gewesen war.

Verstehen Sie mich richtig! Ich sage nicht, dass die USA sicherlich bald kollabieren werden. Ich weiß es nicht. Keiner weiß es. Vielleicht gelingt es ihnen, die Situation zu stabilisieren mittels bewundernswerter Kräfte­anstrengung, derer die US–Bevölkerung in perfekter Weise fähig ist, vielleicht fähiger als andere Völker. In der US–Bevölkerung gibt es ein Riesenpotenzial an Energie, Mut, Weitsicht und tiefgründigem nütz­lichem Optimismus, den das Land vielleicht erfolgreich ausbeuten wird. Ich sage bloß: zieht man Vergleiche mit den Supermächten der Geschichte, vor deren Auseinanderbrechen, so findet man ganz ähnliche Züge bei den heutigen USA.

Was hat dies alles mit Esperanto zu tun? Es steht zu ihm einfach da­durch in Beziehung, dass im Allgemeinen die Sprache der aktuellen Super­macht auch die alles regierende Weltsprache ist. Geht der Status einer Supermacht über von den USA zu einer Allianz aus China, Barat (das ist Indien) und Brasilien, so ist vorherzusehen, dass nach gewisser Zeit die Leute sich sagen: «Was sollen wir untereinander weiter das Englische verwenden, eine schwere Sprache, die unseren Kulturen fremd ist?» Sie werden dann vielleicht dazu neigen, das Chinesische als Weltsprache anzunehmen. Doch ist das Chinesische noch viel schlechter an inter­nationale Verwendung angepasst als das Englische. Wegen seiner Schrift und wegen seiner Aussprache. Dann ist die Chance da, dass die Menschen bemerken, dass Esperanto zur Verfügung steht und sich für diese Rolle perfekt eignet.

Wenn Sie meinen, dass ich die Tatsachen und deren mögliche Folgen völlig fehlinterpretiere, gestehe ich sofort ein, dass Sie vielleicht Recht haben und ich völlig falsch liege. Doch man bat mich nun mal zu sagen, wie ich mir die Zukunftsaussichten unserer Sprache vorstelle, ein Jahr­hundert nach dem 1. Weltkongress, und das habe ich vorgetragen, möglichst aufrichtig. In Wirklichkeit geschah all’ das, was ich bisher sagte, einfach, um die Zeit auszufüllen, die man mir für diesen Vortrag zur Verfügung gestellt hatte. Im Grunde ist meine Meinung viel simpler. Ich glaube an Esperanto, ich glaube, dass es die Weltsprache sein wird, ob in 20 Jahren, ob in 100 oder 300, das kann ich nicht erraten, und das ist mir auch wurscht.

Ich glaube daran aufgrund irgendeiner unüberwindlichen mächtigen Ein­gebung, und ich bin nicht beleidigt, wenn man mich diesbezüglich als irre einstuft. Wenn aber dieses verrückte Gebiet in mir keinem etwas Böses antut und mich glücklicher macht, wieso sollte ich mich dann seiner schämen und es verwerfen? An diese Eingebung zu glauben, das mag verrückt sein, doch kann es auch geistig völlig gesund sein. Ich kann ja meine Art, die künftigen Jahrzehnte zu betrachten, durch vernünftige Tatsachenargumente bestätigen, die nicht weniger wert sind als die Argumente der Leute, nach denen Esperanto keine Zukunft hat. Trotz­dem: ich glaube daran nicht aufgrund dieser Argumente, sondern nur aufgrund irgendeiner mysteriösen unerklärlichen Sicherheit, über die man nicht diskutieren kann, da sie in meiner rechten Hirnhälfte ver­wurzelt ist. Letztere kann sich, falls es gelingt, ihre positiven Seiten auszubeuten, als ein wunderbarer, außergewöhnlicher Garten erweisen, ein Garten, in dem Schönheit, Freund­schaft, Phantasie, Fröhlichkeit und Kreativität erblühen. Und dieser mein Glaube verschafft mir so viel an Freude, dass er, selbst wenn er sich als irrig erweisen wird, von histori­schem oder gesellschaftlichem Gesichtspunkt aus, dass er für mich immer ein Schatz sein wird, aufgrund eines individuellen, Freund­schaft schaffenden und Seelen bereichernden Gesichtspunktes, ein Schatz, dessen Wert jegliches menschliche Kalkül übersteigt. Ja, unsere rechte Hirnhälfte birgt in ihrem paradiesischen Teil ein Riesenpotenzial an Ver­gnügen und Energie. Wie sehr wünschte ich mir doch, alle Esperan­tisten wandelten darin mit Wohlgefallen! Und alle Menschen folgten ihnen dorthin. Dann würde der schöne Traum der Menschheit vom ew’gen Segen doch noch Wirklichkeit. gruene Trennlinie - - -
Soweit das persönliche "Glaubensbekenntnis" des Claude Piron in seiner ausführlichen Form. An anderer Stelle [so etwa: Esperanto 98 (2005) n–ro 1180 (4) aprilo 2005, p. 75 oder im Lehrbuch «Vojaĝo en Esperanto–Lando»(5) von Boris Kolker sowie in der Zeitschrift «Oomoto» (1995, No 437, p. 22–24; vgl. auch: Esperanto–Netzseite von Oomoto(6))] findet man es in Kurzform, zusammen mit einer ebenfalls fundierten Begründung.

Wenn Zeit ist, soll auch dieser Text noch vorgetragen werden:


Claude Piron: «Mi kredas je la Bono. Mi kredas je Esperanto»
«Ich glaube an das Gute — Ich glaube an Esperanto»


Ich glaube an das Gute. Und im Gegensatz zu vielen Menschen glaube ich, dass das Gute gar nicht in Symmetrie zum Bösen steht, sondern es weit übertrifft. Ein schlecht gebautes Haus zerfällt. Ein gut gebautes widersteht Angriffen der Natur­kräfte, selbst den schrecklichsten. Daher habe ich keine Zweifel wegen der Zukunft des Esperanto. Vergleicht man es mit anderen Mitteln, unter Völkern zu kommunizieren, ist klar, dass es das beste ist. Ich nehme wahr, dass Esperanto eine der Verwirklichungen des Guten ist.

Es gibt drei Systeme internationaler Kommunikation: das bürokratische, das des Urwalds und das demokratische. Das bürokratische System ist das der inter­nationalen Organisationen, wie der UN oder der EU. Wie alle bürokratischen Systeme gebraucht es Riesenmengen an Papier, Zeit, Geld, Elektrizität, mensch­licher Energie: mit erbärmlichen Erfolgen. Und alles zahlt der Steuerzahler.

Das Dschungelsystem ist das, in dem eine Sprache und folglich eine Kultur, eine Nation oder Gruppe von Nationen eine Monopolposition erhält, nicht aufgrund eigener Qualifikation der betreffenden Sprache oder Kultur, sondern einzig aufgrund politischer, wirtschaftlicher und ähnlich gearteter Faktoren, die niemals in einer Beziehung stehen zu den Forderungen sprachlicher Kommunikation, welche alle zufrieden stellt. Derart war das System im 19. Jahrhundert, mittels des Französischen zu kommunizieren, derart ist die heutige internationale Ver­wendung des Englischen. Dieses System, das die Anhänger einer Kultur bevor­zugt, hat viele üble Auswirkungen, die in der Welt gefährliche Gleichgewichte erzeugen, die Murks sind, ganz zu schweigen von den katastrophalen kulturellen Konsequenzen dieses sprachlichen Sich–Aufdrängens.

Und dem bürokratischen System wie auch dem Dschungelsystem fehlt eine der Hauptzutaten menschlicher Güte: das Gefühl. Sie sind gefühllose Systeme. Vorwiegend fehlen ihnen Mitgefühl, Erbarmen, Gefühl für Recht und Kommuni­kations­komfort, Rücksicht auf die Bedürfnisse Kleiner und Schwacher, Gefühl für menschliche Würde und das Recht eines jeden, jemanden zu treffen, der zuhört und versteht, jemanden, mit dem man problemlos sich austauschen kann.

Das dritte System ist das demokratische. Es heißt Esperanto. Wie alles, was demo­kratisch ist, hat es viele Mängel und ist in keiner Weise perfekt. Dennoch, es ist das gerechteste, das effizienteste, das gesellschaftlich wie psychologisch befriedigendste System. Mit einem Wort: es ist einfach gut. Es wurde geboren aus der Güte eines Menschen. Es wurde geboren aus dem Gefühl des Erbarmens, der Solidarität, aus der Forderung nach Gerechtigkeit und Menschenwürde. Ja, es ist gut. Und deshalb wird es die anderen überleben.

Ich glaube an Esperanto. Ich glaube, dass diese Sprache viel wertvoller ist, als die Mehrzahl der Esperantisten sich bewusst sind. Ich glaube, dass sie mehr künftige Menschheits–Probleme lösen wird, als man sich allgemein vorstellt, selbst unter uns. Ich glaube, dass sie in der Lage ist, viele Leiden zu beenden, derer sich die Menschen nicht bewusst sind, und die zusammenhängen mit dem Fehlen  gegen­seitiger Verständigung.
gruene Trennlinie - - - Zu Beginn des Vortrags war ja auch die Rede vom Grußwort eines anderen EU–Politikers. — Hier sind Zitate aus dem Grußwort von Dr. Joachim Wuermeling (MdEP) für den 82. Deutschen Esperanto–Kongress 2005:

«Esperanto stellt eine Chance dar, bei Wahrung der kulturellen Vielfalt die Verständigung in Europa entscheidend zu verbessern. Die Esperantisten haben eine Lösung gefunden, die nicht nur die Gleich­berechtigung der nationalen Sprachen und Kulturen respektiert, sondern zugleich auch eine wesentliche Verbesserung der Verständigung herbei­führen kann. Denn nach wie vor gibt es Sprachbarrieren in Europa, sowohl zwischen Bürgern, die sich nicht oder nur in gebrochenem Englisch verständigen können, als auch zwischen gebildeten, eventuell sogar polyglotten Europäern, die sich trotz umfangreicher Fremd­sprachen­kenntnisse nur in ihrer Muttersprache wirklich tiefgründig und problemlos unterhalten können.»
gruene Trennlinie - - -
Vor 10 Jahren etwa, so um 1995,  fragte man einen Esperanto–Schriftsteller (ich denke, es müsste ebenfalls Caude Piron gewesen sein): «Verzeihen Sie, wenn ich die Frage in meiner Sprache stelle. Ich kann nicht Esperanto, aber ich hörte, dass es eine seelenlose, gefühllose Sprache sei, ohne Nuancen».

Darauf antwortete er in seiner poetischen Sprache so:

Kiam infano priĝemis sian suferon en Esperanto,
kaj apud vi ricevis esperantlingve konsolon,
kiam vi pene laboris kun grupo da amikoj
kaj kunspertis en Esperanto la ĝojon kaj la zorgojn,
kiam, adoleske, vi flustris pri sekso en Esperanto,
kaj poste esprimis en ĝi vian amon,
kiam rifuĝinto rakontis al vi en Esperanto
la turmentojn, kiuj igis lin forfuĝi,
kiam vi vidis spektantojn ĝislarme kortuŝitaj
ĉe aŭdo de poemo Esperanta
kaj ĉeestis tiulingvajn kverelojn,
kiam en diskuto pri politik' aŭ religio
vi diris en Esperanto viajn timojn kaj indignon,
kaj kiam, helpite en Esperanto,
vi tiulingve prikantis
viajn dankemon kaj raviĝon
pri la mirindeco de homa solidaro,
neniam, neniam plu vi taksos Esperanton
lingvo senanima, sensenta, sennuanca.
Mi scias.
Ĉion ĉi mi travivis.
 
 
  Wenn ein Kind sein Leid in Esperanto beseufzte,
und neben dir in Esperanto Trost erfuhr,
wenn du dich in einer Freundesgruppe abmühtest
und Freuden und Sorgen mit erfuhrst in Esperanto,
wenn du, erwachsen, über Sex flüstertest in Esperanto,
und hernach in ihm deine Liebe ausgedrückt,
wenn ein Flüchtling dir berichtete in Esperanto
die Qualen, die ihn fliehen ließen,
wenn du Zuschauer sahst, gerührt zu Tränen
beim Hören eines Esperanto–Gedichts
und wenn du Streitereien in dieser Sprache erlebtest,
wenn bei Debatten über Politik und Religion
du deine Furcht und dein Entrüsten äußertest,
und wenn, mit Unterstützung dieses Esperanto,
du just in dieser Sprache dann besangst
die Dankbarkeit und dein Entzücken
über die wundersame Solidarität der Menschen,
dann nie, nie mehr wirst du das Esperanto
einschätzen als gefühllos, ohne Seele, ohn’ Nuance.
Ich weiß das.
All’ dies, ich habe es durchlebt.
gruene Trennlinie - - -
Anhang bzw. Zugabe

Interessant wäre wohl auch, noch einen kurzen Originaltext von Zamenhof zu zitieren
[Keine Sorge, er ist übersetzt ins Deutsche! Das Original ist ein Brief in russischer Sprache, dessen Esperanto-Übersetzung 1896 erschien und die 1902 durch Zamenhof selbst nochmals redigiert wurde. Quelle: Ludovikologiaj biografietoj (Plena verkaro de L.L. Zamenhof, kromkajero 3). – Kioto, 1987, p. 1-9, gekürzt. Falls die Zeit dafür nicht reicht, wird er irgendwann mal zur Auflockerung des Kursalltags Gelegenheit bieten.]


Kiel naskiĝis Esperanto — Wie entstand Esperanto?

Die Idee, deren Verwirklichung ich mein ganzes Leben widmete, kam mir in der frühesten Kindheit und hat mich nie verlassen.

Geboren wurde ich in Białystok. Die dortige Bevölkerung umfasste vier ver­schiedene Volksgruppen: Russen, Polen, Deutsche und Hebräer; jede dieser Gruppen sprach eine eigene Sprache und ging nicht gerade freundlich mit den anderen um. In dieser Stadt spürt eine einfühlsame Natur mehr als anderswo das schwerwiegende Unglück verschiedener Sprachen und überzeugt sich bei jedem Schritt, dass die Verschiedenheit der Sprachen der eigentliche Grund ist, der die Menschheitsfamilie trennt.

Nach und nach gewann ich die Überzeugung, dass nicht alles so leicht geht, wie es einem Kind erscheint; die verschiedenen kindlichen Utopien verwarf ich eine nach der anderen, und nur der Traum von der einen Menschheitssprache ließ mich nie­mals los. Relativ früh wurde mir bewusst, dass diese einzige Sprache nur etwas Neutrales sein kann, das keinem der lebenden Völker gehört. Und ich begann, noch unklar, von einer neuen Plansprache zu träumen.

Deutsch und Französisch erlernte ich als Kind. Doch als ich mit Englisch begann, stand mir gleich die Einfachheit der englischen Grammatik vor Augen, vor allem aufgrund des schroffen Kontrastes zur lateinischen und griechischen. Damals merkte ich, dass der Reichtum grammatischer Formen nur rein historisch bedingt ist, aber nicht essentiell für die Sprache. Unter diesem Einfluss begann ich, die Sprache zu durchsuchen und und alle unnötigen Formen zu entfernen, und ich merkte, dass die Grammatik in meinen Händen immer mehr zusammenschmolz, und bald kam ich zur kleinsten Grammatik, die ohne der Sprache zu schaden, nicht mehr als einige Seiten füllte. Doch noch ließen mir die riesenhaften Wörter­bücher keine Ruhe.

Irgendwann
[wohl um 1876] wurde ich dann mal der Aufschrift «Ŝvejcar­ska­ja» (Portiersloge) gewahr und hernach noch des Hängeschildes «Kondi­tor­skaja» (Konditorei). Dieses «skaja» begann mich zu interessieren und zeigte mir, dass Suffixe (Vor– und Nachsilben) die Möglichkeit eröffnen, aus einem Wort eine andere Bedeutung zu gewinnen, die man nicht gesondert erlernen muss. Dieser Gedanke erfasste mich ganz, und plötzlich fühlte ich wieder festen Grund unter den Füßen. Ein Lichtschein fiel auf die schrecklichen Riesenwörterbücher und sie begannen vor meinen Augen schnell kleiner zu werden.

Ich begann Wörter zu vergleichen, konstante und fest stehende Beziehungen unter ihnen zu suchen, und täglich erneut verwarf ich im Wörterbuch eine riesige Reihe von Wörtern, indem ich diese durch ein Suffix mit einer bestimmten Bedeutung ersetzte. Bald darauf hatte ich in schriftlicher Form die gesamte Grammatik und ein kleines Wörterbuch vorliegen. Ich stellte fest, dass die damaligen Sprachen einen Riesenvorrat internationaler Wörter aufwiesen, die allen Völkern bekannt sind und einen Schatz bilden für eine künftige internationale Sprache, — und natürlich wusste ich diesen Schatz zu nutzen.

Im Jahre 1878 war die Sprache mehr oder weniger fertig, obgleich zwischen der damaligen «lingwe uniwersala» und dem heutigen Esperanto noch viel unter­schiedlich war. Ich unterhielt mich darüber mit meinen Mitschülern (ich war in der 8. Klasse des Gymnasiums). Die Mehrzahl davon begeisterte die Idee und die ungewohnte Leichtigkeit der Sprache, und sie begannen sie zu erlernen. Am 5. Dezember 1878 feierten wir gemeinsam die Geburt der neuen Sprache.

So endete die erste Epoche der Sprache. Ich war damals zu jung, um meine Arbeit zu veröffentlichen, und ich beschloss, noch 5-6 Jahre zu warten und während dieser Zeit, die Sprache sorgsam zu erproben und sie praktisch komplett auszu­arbeiten. Ich übersetze viel in diese Sprache, schrieb in ihr Originalstücke, und breit angelegte Versuche zeigten mir, dass das, was mir eine komplett fertige Theorie schien, praktisch noch nicht ausgereift war. Ich begann, wörtliches Übersetzen aus dieser oder jener Sprache zu vermeiden, und mühte mich, direkt in der neutralen Sprache zu denken. Danach merkte ich, dass die Sprache ihren eigenen Geist, ein Eigenleben erhielt, einen eigenen festgelegten und klar um­ris­senen Gesichtsausdruck, der nicht mehr von fremden Einflüssen abhing. Das Sprechen floss bereits von selbst, flexibel, graziös und vollkommen frei, wie die lebendige Muttersprache
[Vatersprache].

Ich beendete mein Universitätsstudium und begann meine medizinische Praxis. Ich fertigte das Manuskript meiner ersten Broschüre an und begann einen Ver­leger zu suchen. Doch dabei begegnete ich der Geldfrage, mit der ich noch viel zu ringen haben sollte. Schließlich, nach langem Bemühen, gelang es mir, die erste Broschüre im Juli des Jahres 1887 zu veröffentlichen.

Zuvor war ich sehr aufgeregt; ich spürte, dass ich vor dem Rubikon
(7) stand und dass ich nach dem Tag des Erscheinens meiner Broschüre nicht mehr werde zurück können; ich wusste, welches Los einen vom Publikum abhängigen Arzt erwartet, wenn dieses Publikum ihn als Phantasten einstuft, als Menschen, der sich mit nebensächlichen Dingen befasst; ich spürte, dass ich die gesamte künftige Ruhe und meine Existenz sowie die meiner Familie auf eine Karte setzte; doch ich konnte von dieser Idee nicht lassen, die meines Körpers und Geists sich bemächtigt hatte und — ich überschritt den Rubikon.

Anmerkungen und Verweise ins Internetz: (1) http://boulogne2005.online.fr/eo/raportoj/prel_piron.htm
(2) http://www.britishcouncil.de/ (3) http://www.bildungsserver.de/instset.html?Id=1748
(4) http://bak-information.ub.tu-berlin.de/fachinfo/FIB_INS/British_CouncilBritish_Council_Information_Centre.html
(5) http://www.esperanto.mv.ru/Vojagxo/vojagxo3.html (6) http://www.oomoto.or.jp/Esperanto/index-es.html
(7) Ortsbezeichnung mit Symbolcharakter "unwiderrufliche Entscheidung": Cäsar überschritt am 10.01.49 v. Chr. den Rubikon und betrat mit seinem Heer das römische Mutterland; damit waren "die Würfel gefallen".